Jochen Benzinger, der Virtuose an der Guillochiermaschine

In einem unscheinbaren Rückgebäude in der Dietlinger Straße 17, in der Goldstadt Pforzheim, ist die Manufaktur von Jochen Benzinger beheimatet. Und Manufaktur ist bei und für Jochen Benzinger nicht nur ein Schlagwort, sondern eine Lebenseinstellung, die bis in die Zeit seiner Ausbildung zum Graveur zurück reicht.

Auch der unscheinbare Auftritt in einem unscheinbaren Gebäude passt zu Jochen Benzinger. Er macht und verkauft ehrliche Arbeit. Auch sein persönlicher Auftritt ist dabei eher unscheinbar und er hat nichts mit den dicken Sprüchen am Hut, die so manch anderer Zeitgenosse der Branche absondert.

Ganz und gar nicht unscheinbar sind dafür aber die Ergebnisse seiner Arbeit. Herausragende Kunststücke, die ihresgleichen suchen. Und gerade weil Jochen Benzinger für viele kein so bekannter Name der Szene ist, geben sich die, die eher etwas bekannter sind – bei der Auftragsvergabe aber gerne unerkannt bleiben möchten – in Pforzheim in der Dietlinger Straße die Türklinken in die Hand.

Jochen Benzinger hat volle Auftragsbücher und die Großen aus der Gilde exklusiver Uhren kommen gerne zu ihm, um ausgefallene Kleinserien bei und mit ihm zu realisieren. Das spricht sich bei Insidern herum und so fragen vermehrt auch Privatkunden an, die sich gerne etwas Exklusives leisten möchten, was eben nicht jeder am Handgelenk trägt.

Was aber zeichnet Jochen Benzingers Uhrenatelier aus? Viele sprechen von Uhrmachertradition und wissen lange Geschichten darüber zu erzählen. Blickt man dann in deren Betriebsstätten, so stehen dort moderne CNC-Fräser, Erodiermaschinen oder Stanzautomaten. Ist das Uhrmachertradition? Eigentlich eher weniger. Auf einem modernen CNC-Fräszentrum kann der Betrieb auch genauso gut ein Zahnimplantat fertigen; dem Automaten ist das egal. Das soll Uhrmachertradition sein? Fehlanzeige!

Nun, um Uhren in gleichbleibender Qualität, in hohen Stückzahlen und zu halbwegs annehmbaren Preisen – was aber auch immer weniger gelingt – fertigen zu können, sind diese Automaten sicher gut, aber eben nur hierfür. Uhrmachertradition ist etwas anderes. Und Manufaktur ist auch etwas anderes. Hier ist Handarbeit gefragt und alte historische Hilfsmittel und Gerätschaften. Und genau davon hat Jochen Benzinger eine ganze Menge.

Geschickte, ja, man möchte fast sagen, goldene Hände und zahlreiche historische, voll funktionsfähige Geräte und Maschinen. Wobei der Begriff Maschine schon weit hergeholt ist, wenn das Gerät von Hand angetrieben und geführt werden muss.

Die Spezialität von Jochen Benzinger ist das nachträgliche Veredeln von Uhrwerken, wobei der Phantasie und dem Ideenreichtum kaum Grenzen gesetzt sind. Für eigene Kreationen verwendet Jochen Benzinger zumeist das bewährte ETA/Unitas Kaliber 6498 oder 6497, je nachdem, ob sich die kleine Sekunde bei 6 Uhr oder bei 9 Uhr befinden soll. Aber nicht nur die Veredelung von Bekanntem hat es Jochen Benzinger angetan. Er baut die Kaliber auch um und macht daraus z.B. einen Regulateur, bei dem dann aber auch gleich die Minuterie aus der Mitte heraus nach unten wandert.

Bei Fremdaufträgen bringt der Kunde zumeist sein eigenes Kaliber mit, welches dann im Auftrag veredelt oder umgebaut werden soll.

Betritt man das Atelier von Jochen Benzinger, so fühlt sich der Besucher und Betrachter in eine andere Epoche zurückversetzt. Eine Vielzahl alter bis – man sehe es mir nach – uralter, aber Tip Top gepflegter Maschinen und Vorrichtungen stehen hier.

Die Prunkstücke sind insgesamt 9 alte Guillochiermaschinen aus Schweizer und auch Deutscher Herstellung, davon 5 Rundzug- und 4 Geradezugmaschinen

Seine absolute Spezialität sind handguillochierte Zifferblätter, wie sie sonst kaum noch anzutreffen sind; oder sie wurden im Kundenauftrag im Pforzheimer Atelier von Jochen Benzinger gefertigt. Wenn der ein oder andere (Massen-)Hersteller von guillochierten Zifferblättern spricht, so wurden diese Strukturen zu 99% mittels Prägestempel, CNC-Fräser oder gar Laser eingebracht. Das hat mit der überlieferten und von Jochen Benzinger konsequent gepflegten Handwerkskunst aber schon überhaupt nichts zu tun.

Zu den im Atelier zur Anwendung kommenden Techniken des Veredelns zählt aber nicht nur das Guillochieren von Werksplatinen oder Zifferblättern, auch das Skelettieren und Gravieren spielt dabei eine große Rolle.

Die Veredelung der Oberflächen und damit verbundene Aufbringen galvanischer Oberflächen erfolgt außer Haus. Auch die Montage der Uhrwerke nach Fertigstellung aller Bestandteile, erfolgt in einem eigenen Uhrmacheratelier.

Gemeinsam mit Jochen Benzinger konnten wir in die vielfältigen Geheimnisse des Handguillochierens etwas weiter eintauchen.

Als Guillochieren bezeichnet man das Gravieren von geometrischen, aus feinen Linien bestehenden Ornamenten in dichtem, aber immer gleichbleibendem Abstand. Besagte Linien werden mit einem von Hand geführten Werkzeug in das Metall geschnitten. Sie geben dem Ziffernblatt oder der Platine ein reliefartiges Muster und bewirken – je nach Lichteinfall – unterschiedliche Licht- und Schatteneffekte.

Erfunden wurde das Guillochieren angeblich von einem Franzosen, Herrn Guillot, und dem Deutschen Hans Schwanhardt. Als großer Meister dieser vierhundert Jahre alten Technik galt aber der russische Juwelier Peter Carl Fabergé.

Guillochen wurden in früheren Zeiten vor allem als Sicherheitsmerkmal beim Druck von Banknoten, Wertpapieren, Reisepässen und Ausweispapieren eingesetzt, um eine Fälschung zu erschweren, da sich die Guillochen auf den damals noch gravierten Druckplatten nicht ohne Weiteres haben reproduzieren ließen.

Das Gravieren von Guillochen auf Metall wird als Guillochieren bezeichnet. Dazu wurden seit dem 17. Jahrhundert Guillochiermaschinen, eine auf diesen Zweck spezialisierte Form von Drehbänken, verwendet. In der Deutschen Sprache existieren dazu auch die Begriffe Rund- und Geradzugmaschine (Zug = Guilloche).

Die Kunst des Guillochierens war schon fast in Vergessenheit geraten, erst als teure mechanische Armbanduhren wieder stärker gefragt waren, stieg auch die Nachfrage nach Guillocheuren wieder. Ein ungeschriebenes Gesetz besagt: „Jeder Meister gibt seine Geheimnisse an den Nachfolger weiter, bevor er in Rente geht. Auf diese Art wird unser Wissen vor dem Vergessen bewahrt.“

Die Verzierung eines einzelnen Ziffernblattes kann Stunden, mitunter auch Tage dauern. Gold und Silber lassen sich dabei einfacher bearbeiten als Platin. Geht dabei nur ein einziger Schnitt daneben, ist das Werkstück zerstört und man kann wieder von vorn anfangen. Auch der Druck des Stichels auf das Werkstück wird von Hand ausgeübt und muss immer gleichmäßig sein.

Aber wie funktioniert nun so eine Guillochiermaschine? Zu unterscheiden sind Rund- und Geradzugmaschinen. Wir konzentrieren und hier auf die Beschreibung einer Rundzugmaschine, da mit dieser, wie der Name bereits sagt, runde Werkstücke verziert werden und darunter fallen die meisten in Uhren verwendeten Bauteile. Mit einer Geradzugmaschine werden dagegen lineare Strukturen erzeugt, wie sie z.B. bei der Verziehrung von ganz hochwertigen Füllfederhaltern anzutreffen sind

Das Gerät ist einer Drehmaschine nicht unähnlich, allerdings mit dem wesentlichen Unterschied, dass sich hier das Werkstück und nicht das Werkzeug bewegt. Das Werkzeug ist ein Stichel, der entsprechend seiner Formgebung Furchen in das Werkstück schneidet und somit spanabhebend arbeitet. Der seitlich vom Stichel angebrachte Tusch wirkt wie ein Anschlag, der auf dem Werkstück aufliegt und so die Eindringtiefe des Stichels begrenzt. Damit es zur dieser Spanabhebung kommt, wird das Werkstück auf einer dem Werkzeug gegenüberliegenden drehenden Achse aufgespannt. Eine weitere Besonderheit, im Vergleich zur Drehmaschine, sind die Beweglichkeit der Drehachse längs und quer zur Drehrichtung und die sehr langsame Drehgeschwindigkeit.

Angetrieben wird die Guillochiermaschine gefühlvoll von Hand, deshalb auch die niedrige Drehgeschwindigkeit. Um sich nun die Beweglichkeit der Drehachse zunutze zu machen, werden im vorderen Teil der Maschine Schablonen aufgespannt, deren Kontur über einen weiteren Tusch abgenommen werden und die Drehachse – exakt der Kontur folgend – seitlich auslenkt.

Je nach Formgebung des Musters, welches auf das Werkstück übertragen werden soll, kann zusätzlich über eine weitere abzutastende Matrize auch noch eine sich überlagernde Bewegung längs zur Drehachse ausgeführt werden. Damit kann dann die Eindringtiefe des Stichels in das Werkzeug variiert werden. So können dann nicht nur Linien mit konstanter Tiefe eingebracht werden, sondern auch dreidimensionale Geometrien.

Jochen Benzinger hat sich schon während seiner Ausbildung zum Graveur für das Guillochieren interessiert, insbesondere die hochpräzisen alten Maschinen hatten es ihm angetan. Was Wunder, dass er dann über die Jahre hinweg nach einer passenden Gelegenheit Ausschau hielt, sich selbst eine Maschine anzuschaffen. Die Quartzkrise und der Niedergang der deutschen Uhren- und Schmuckindustrie in den 80er Jahren machten es möglich, sich mit überschaubarem Aufwand und Budget mit alten, ausrangierten Geräten einzudecken. Heute zählt das Atelier Benzinger insgesamt 5 Rundzug Guillochiermaschinen sein eigen. Das klingt gut, aber das Risiko, in einer Zeit des Umbruchs mit alten Maschinen Geld zu verdienen, war auch nicht gerade gering.

Jede seiner Maschinen, so Jochen Benzinger, hat ihre ganz spezifischen Eigenheiten. Er hat Maschinen Deutscher und Schweizer Machart, die älteste geht dabei zurück auf das Jahr 1890. Bei entsprechender Pflege halten die Maschinen ewig.

Aber genau das muss eben verstanden und sichergestellt werden. Die Lager wollen mit reichlich Öl versorgt werden, aber auch der Tusch, welcher die Matrizen abtastet und jede noch so kleine Bewegung auf das Drehgestell übertragen muss.

Der Stichel wird als Verschleißschutz mit einem ganz speziellen Öl aus amerikanischem Wintergrün versorgt, das riecht wie Bubble-Gum.

Um die ganze Technik auch in Aktion erleben zu können, hat der Meister einen Zifferblattrohling aus Sterling-Silber aufgespannt. Zuvor wird das rohe Teil mittel Schellack, der mit der Gasflamme erhitzt wird, auf einem Werkstückträger fixiert.

Dieser wird dann auf die Guillochiermaschine aufgespannt und genauestens zentriert. Jochen Benzinger hat nun eine Matrize ausgewählt, mit der ein Moiré Muster in das Zifferblatt geschnitten wird.

Mit sehr viel Gefühl und Präzision führt Jochen Benzinger die letzten Einstell- und Justagearbeiten durch und setzt über eine Handkurbel das Drehgestell in Bewegung. Mit der anderen Hand setzt er vorsichtig den Tusch auf das Werkstück und der Stichel beginnt eine Furche in das Zifferblatt zu schneiden. Über die durch die Matrize vorgegebene seitliche Auslenkung sind es keine konzentrischen Kreise, die geschnitten werden, sondern es entsteht ein konzentrisches Wellenmuster.

Nach jeder Umdrehung wird der Stichel um eine genau festgelegte Schrittweite in Richtung Zentrum weitergeschaltet. In dem uns gezeigten Beispiel geht das alles vergleichsweise problemlos vonstatten.

Deutlich anspruchsvoller wird die ganze Sache dann, wenn das Zifferblatt, eine Reihe von Ausnehmungen besitzt, wie z.B. Datumsfenster oder Sichtfenster für Tourbillons. Dann kann nämlich nicht eine ganze Umdrehung durchfahren werden, sondern es muss abgesetzt und der Faden wieder aufgenommen werden.

Bei komplizierten Geometrien kann es schon mal einen ganzen Tag dauern, bis ein Zifferblatt fertiggestellt ist. Und trotz aller Präzision ist kein Zifferblatt wie das andere. Es gibt immer kleine Abweichungen, die aus jedem Stück ein Unikat machen. Echte und ehrliche Manufakturarbeit eben.

Nach dem Guillochieren des Zifferblattes wird der Schellack mit der Flamme wieder erhitzt und das Zifferblatt kann dann vom Werkstückträger abgenommen werden.

Die Verwendung von Sterling-Silber zur Zifferblattherstellung hat nicht nur den Grund, dass dieses Material sich zur Bearbeitung gut eignet und auch optisch ansprechend ist, die guillochierte Oberfläche kann dann auch in einer ebenfalls aus den Anfängen der Uhrmacherei überlieferten Form so veredelt werden, dass die Oberfläche dauerhaft geschützt wird und nicht schwarz anlaufen kann werden.

Das von Jochen Benzinger angewandte altertümliche Verfahren nennt sich „Frosten“ oder „Weißsieden“ Das bereits guillochierte Zifferblatt aus Sterlingsilber wird dazu erhitzt, bis es sich, infolge der Oxidation des im Sterling-Silber enthaltenen Kupfers, an der Oberfläche mit einem schwarzen Belag überzieht. Durch Erhitzen von verdünnter Schwefelsäure oder einer Weinsteinlösung wird das Kupfer dann entfernt und eine dünne Silberschicht freigelegt. Dieser Vorgang kann mehrmals wiederholt werden, bis bei Erwärmung keine Schwarzfärbung mehr eintritt; dann ist nurmehr reines Silber an der Oberfläche.

Ein so behandeltes Zifferblatt sieht nicht nur sehr edel aus, es ist auch dauerhaft anlaufgeschützt und behält seinen weißen samtigen Schimmer dauerhaft.

Jochen Benzinger ist aber nicht nur ein Spezialist für Gravieren und Guillochieren. Sein langjähriger Kollege und Partner Albrecht Bolz ist ein Meister der Skelettierung. Wie kaum ein anderer trennt er aus einem Uhrwerk mit unglaublichem Geschick und höchster Genauigkeit alle nicht für die Funktion benötigten Bereiche mit feinsten Sägen heraus. Übrig bleibt ein schlankes Skelett rein funktionaler Verbindungen, ähnlich einem Fachwerkhaus. Wenn dann im Anschluss Jochen Benzinger zum Gravierstichel greift und auf die verbliebenen dünnen Stege per Hand noch die entsprechenden Verzierungen aufbringt, dann ist das Kunstwerk fast schon perfekt.

Durch eine abschließende galvanische Oberflächenveredlung erhalten die oftmals winzigen und hochempfindlichen Einzelteile ihren letzten Schliff, bevor sie im Montageatelier von einem erfahrenen Uhrmacher zu einem präzise funktionierenden Uhrwerk zusammengesetzt werden.

Da nahezu alles per Hand oder eben mittels der zuvor beschriebenen universell einsetzbaren Maschinen und Vorrichtungen entsteht, sind der Vielfalt kaum Grenzen gesetzt. Getreu dem wieder stark im Trend befindlichen Manufakturgedanken spornt dies immer mehr private Kunden an, bei Jochen Benzinger anzuklopfen und um ihr ganz persönliches Unikat nachzusuchen, oftmals auch auf Grundlage eigener Entwürfe oder Skizzen.

Und Auszeichnungen lassen sich damit auch noch gewinnen!

Die Zukunft, so scheint es, hat in der Dietlinger Straße in Pforzheim gerade erst begonnen.

 

 

 

Der Autor:
Herr Dipl.-Ing. (FH) Patrick Weigert ist als Geschäftsführer einer Unternehmensberatungsgesellschaft u.a. für die Automobil- und Uhrenindustrie tätig und beobachtet und analysiert als Mitbegründer und Gesellschafter beim Deutschen Uhrenportal die Entwicklungen auf dem Sektor für hochwertige Uhren.

 

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